Warum 55 Grad Vorlauf alles ändert
Eine alte Gas- oder Ölheizung fährt im Bestand oft mit 70 bis 75 Grad Vorlauf. Eine Wärmepumpe arbeitet dagegen umso sparsamer, je niedriger die Vorlauftemperatur liegt: Jedes Grad weniger senkt den Stromverbrauch spürbar. Deshalb wird bei der Umstellung auf 55/45, 45/35 oder noch tiefer ausgelegt. Genau da kippt die Rechnung: Ein Heizkörper überträgt seine Wärme nicht proportional zur Temperatur, sondern überproportional. Halbiert sich die Übertemperatur, bleibt deutlich weniger als die halbe Leistung.
Konkret: Ein Plattenheizkörper Typ 22 mit 600 mm Bauhöhe und 1.000 mm Baulänge bringt rund 1.744 Watt bei der Normbedingung 75/65/20. Bei 55/45 und 20 Grad Raumtemperatur sind davon noch 891 Watt übrig, bei 50/40 noch 699 Watt, bei 45/35 nur noch 518 Watt und bei 35/28 gerade einmal 249 Watt. Wer von 75 auf 45 Grad Vorlauf geht, verliert also rund 70 Prozent der Heizkörperleistung. Die Frage ist nicht, ob der Heizkörper schwächer wird — er wird es immer. Die Frage ist, ob der Raum trotzdem warm wird.
Logarithmisch statt arithmetisch: die Formel dahinter
Die Umrechnung läuft nach EN 442 über die Formel Q₂ = Q₁ × (ΔΘ₂/ΔΘ₁)n. ΔΘ ist
die mittlere Übertemperatur zwischen Heizwasser und Raumluft, n der Heizkörperexponent. Für die
Übertemperatur gibt es zwei Rechenwege, und der Unterschied ist der Grund, warum wir dieses Tool gebaut
haben.
Der arithmetische Weg bildet einfach den Mittelwert aus Vor- und Rücklauf:
(75+65)/2 − 20 = 50 K. Bequem, aber eine Näherung. Der logarithmische Weg bildet ab,
dass das Wasser entlang des Heizkörpers nicht gleichmäßig abkühlt:
ΔΘ_log = (t_VL − t_RL) / ln[(t_VL − t_i)/(t_RL − t_i)]. Für 75/65/20 ergibt das
49,83 K statt 50 K, für 55/45/20 sind es 29,72 K und für 35/28/20 nur noch 11,14 K.
Beide Fehler kürzen sich teilweise heraus, weil Norm- und Zielbedingung denselben Weg nehmen. Übrig bleibt eine systematische Abweichung, und sie zeigt in die ungünstige Richtung: Die arithmetische Näherung rechnet die Leistung bei 55/45 um 0,8 Prozent zu hoch, bei 45/35 um 2,4 Prozent und bei 40/30 um 4,7 Prozent. Je tiefer der Vorlauf bei gleicher Spreizung, desto optimistischer wird die Näherung — also genau dort, wo es auf jedes Watt ankommt. Mehrere bekannte Rechner im Netz nutzen den arithmetischen Weg. Unser Ergebnis zeigt beide Zahlen nebeneinander.
Beim Exponenten n bleiben wir bewusst grob: 1,3 für alle Plattenheizkörper. Eine belastbare Differenzierung zwischen Typ 11, 22 und 33 ließ sich in keiner Fachquelle finden — die Typen unterscheiden sich in Bauform und Nennleistung, nicht im Exponenten. Für andere Bauarten nennen die Quellen Bandbreiten: Gliederheizkörper rund 1,3, Röhrenradiatoren 1,2 bis 1,3, Konvektoren 1,25 bis 1,45 und Fußbodenheizungen 1,0 bis 1,1 — Erfahrungswerte, keine Normfixwerte.
Typ 22 oder Typ 33 — und woher unsere Leistungswerte stammen
Die Typbezeichnung ist eine Bauanleitung: Die erste Ziffer zählt die wasserführenden Heizplatten, die zweite die dazwischenliegenden Konvektorbleche. Typ 22 hat zwei Platten und zwei Konvektorbleche, Typ 33 drei und drei. Bei identischer Höhe und Länge liefert Typ 33 rund 43 Prozent mehr Leistung als Typ 22 — zum Preis von mehr Bautiefe, er steht also weiter in den Raum. Das ist der wichtigste Hebel, wenn ein Raum knapp nicht mitkommt, denn Anschlüsse und Wandbefestigung bleiben meist gleich.
Belegbar sind nur wenige Stützstellen aus Handelsdaten für 600 × 1.000 mm: Typ 11 etwa 900 bis 980 W,
Typ 22 etwa 1.688 bis 1.800 W, Typ 33 etwa 2.500 W. Wir nehmen jeweils die Mitte der Spanne. Typ 10,
20 und 21 sind nicht belegt und von uns aus der Bauform abgeleitet: eine Heizplatte trägt rund 590 W je
Meter, jedes Konvektorblech rund 350 W, jede weitere Heizplatte rund 410 W. Andere Bauhöhen rechnen wir
mit (Höhe/600)0,85 um — hohe Heizkörper legen je Millimeter Bauhöhe etwas
weniger zu. Das ist eine eigene, offengelegte Herleitung und ausdrücklich keine gespiegelte
Herstellertabelle.
| Typ | 300 mm | 400 mm | 500 mm | 600 mm | 900 mm |
|---|---|---|---|---|---|
| Typ 10 (abgeleitet) | 327 | 418 | 505 | 590 | 833 |
| Typ 11 | 521 | 666 | 805 | 940 | 1.327 |
| Typ 20 (abgeleitet) | 555 | 708 | 856 | 1.000 | 1.411 |
| Typ 21 (abgeleitet) | 743 | 949 | 1.148 | 1.340 | 1.891 |
| Typ 22 | 968 | 1.236 | 1.494 | 1.744 | 2.462 |
| Typ 33 | 1.387 | 1.771 | 2.141 | 2.500 | 3.529 |
Ein Beispiel für die häufigste Suchanfrage: Ein Heizkörper 1.200 × 600 mm vom Typ 22 hat 1.744 × 1,2 = rund 2.093 W Normleistung und damit bei 55/45/20 noch rund 1.069 W.
Die Heizlast des Raums schätzen
Die Heizkörperleistung allein beantwortet die Frage nicht. Sie brauchen den Gegenwert: wie viel Watt der Raum am kältesten Auslegungstag verliert. Eine echte Heizlastberechnung nach DIN EN 12831 arbeitet raumweise mit U-Werten, Geometrie, Wärmebrücken und Lüftung. Für die erste Einordnung genügen Faustwerte je Quadratmeter: unsanierter Altbau vor 1945 rund 110 bis 150 W/m² (teils bis 180), Baujahr 1950er/60er 90 bis 120, 1970er/80er 70 bis 100, teilsaniert um die 100, saniert mit guter Dämmung 60 bis 80, Neubau nach GEG 40 bis 50 und KfW-Effizienzhaus oder Passivhaus 15 bis 30 W/m².
Die Spannen sind breit, und das ist ehrlich so gemeint: Ein Eckzimmer mit drei Außenwänden liegt am oberen Rand, ein Innenraum im ersten Stock am unteren. Der Rechner nimmt die Mitte und zeigt die Bandbreite mit an.
Deckungsgrad lesen: reicht, knapp, reicht nicht
Der Deckungsgrad ist Heizkörperleistung geteilt durch Heizlast. Ab 110 Prozent ist die Sache klar. Zwischen 100 und 110 Prozent reicht es rechnerisch, aber ohne Reserve für den Aufheizbetrieb nach einer Absenkung — kein Freibrief. Zwischen 85 und 100 Prozent steht der Raum auf der Kippe: An durchschnittlichen Wintertagen wird er warm, an den kältesten nicht ganz. Unter 85 Prozent müssen Sie handeln. Der Rechner nennt zusätzlich die niedrigste Vorlauftemperatur, bei der der Heizkörper die Heizlast gerade noch deckt — oft aufschlussreicher als die Ampel, weil sie zeigt, wie weit Sie mit dem Bestand kommen.
Was tun, wenn es nicht reicht
Größer bauen. Der einfachste Weg ist mehr Baulänge oder ein stärkerer Typ. Der Rechner sagt Ihnen rückwärts, welche Länge Typ 21, 22 oder 33 bei Ihrer Bauhöhe bräuchten. Oft reicht der Wechsel von Typ 22 auf Typ 33 bei gleicher Breite, weil die Anschlussmaße erhalten bleiben.
Niedertemperatur-Heizkörper mit Ventilator. Ein kleiner Lüfter im Konvektorschacht beseitigt den begrenzenden Faktor, die träge freie Konvektion, und steigert die Leistung bei niedrigem Vorlauf erheblich. Die Maße bleiben; dafür kommen Strombedarf, Geräusch und ein weiteres Bauteil dazu.
Fußbodenheizung im betroffenen Raum. Im Bad oder in einem ohnehin zu sanierenden Raum ist eine Flächenheizung die sauberste Lösung, weil sie mit 35 Grad Vorlauf auskommt — zugleich der höchste Aufwand der drei Wege.
Dämmen statt heizen. Neue Fenster, eine gedämmte oberste Geschossdecke oder Kellerdecke senken die Heizlast und verschieben den Deckungsgrad, ohne dass ein Heizkörper angefasst wird. Rechnen Sie den Raum mit der nächstbesseren Gebäudekategorie nochmal durch, dann sehen Sie den Effekt.
Die schwächste Stelle bestimmt die Vorlauftemperatur im ganzen Haus
Ein Heizkreis hat eine Vorlauftemperatur, nicht sieben. Der Raum, der die höchste braucht, zwingt sie dem ganzen Haus auf — und damit der Wärmepumpe ihre Jahresarbeitszahl. Rechnen Sie deshalb nicht nur den Wohnzimmerheizkörper durch, sondern jeden Raum einzeln, und notieren Sie den jeweils nötigen Vorlauf. Das Bad ist überdurchschnittlich oft der Ausreißer, weil dort 24 statt 20 Grad gefordert sind: Dieselben vier Grad, die den Komfort machen, fressen einen erheblichen Teil der Übertemperatur. Wer den einen kritischen Heizkörper austauscht, senkt die Systemtemperatur für das ganze Haus — meist die wirtschaftlichste Einzelmaßnahme überhaupt.
Bei Heizkörpern kommt eine zweite Frage dazu, die Flächenheizungen nicht haben: Das Wasservolumen im Kreis ist klein, und wenn Thermostatventile schließen, taktet die Wärmepumpe. Welche Mindestumlaufwassermenge Ihr Gerät braucht und wie groß ein Pufferspeicher dafür ausfallen muss, rechnet der Pufferspeicher-Rechner.
Die 55-Grad-Regel, Förderung und hydraulischer Abgleich
Unter Heizungsbauern kursiert die Faustregel, dass eine Wärmepumpe sinnvoll wird, wenn das Gebäude mit 55 Grad Vorlauf auskommt. Als Orientierung taugt sie, als Rechtsgrundlage nicht — welche Anforderungen die Bundesförderung für effiziente Gebäude im Einzelfall stellt, steht in den Merkblättern von BAFA und KfW und ändert sich regelmäßig. Behandeln Sie die 55 Grad als Planungsziel, nicht als Bedingung.
Geprüft und belastbar ist dagegen die Förderung der Heizungsoptimierung: Für den hydraulischen Abgleich als Einzelmaßnahme gibt es einen Zuschuss von 15 Prozent, mit individuellem Sanierungsfahrplan 20 Prozent, bei einer Mindestinvestition von 300 Euro brutto. Der Antrag muss vor der Auftragsvergabe bei der BAFA gestellt werden, gerechnet wird nach Verfahren B des VdZ-Formulars. Dazu kommt eine Prüf- und Optimierungspflicht nach § 60b und § 60c GEG für Gebäude ab sechs Wohneinheiten; für Altanlagen läuft die Frist am 30.09.2027 ab. Ein- und Zweifamilienhäuser sind von dieser Pflicht ausgenommen. Stand dieser Angaben ist der 18.09.2026 — prüfen Sie sie vor der Antragstellung auf der Seite der BAFA nach, die Förderlandschaft ändert sich schnell.
Noch eine Einordnung zum verbreiteten Praxistest, die Vorlauftemperatur im laufenden Winter auf 55 Grad zu drosseln und zu beobachten: Der Test prüft den Winter, den Sie gerade haben, nicht die Auslegungstemperatur Ihres Standorts. In einem milden Januar fällt er folgenlos positiv aus. Nehmen Sie ihn als Hinweis, nicht als Nachweis. Wer danach Angebote vergleicht, findet unter Wärmepumpe Preise die Größenordnungen und unter Handwerker-Stundensatz die Montagekosten.